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Zügelhilfen

Merke: Der fehlerhaften Neigung vieler Reiter, die Zügelhilfen zu stark einzusetzen, also zu viel mit den Händen und zu wenig durch Gewichts - und Schenkelhilfen einzuwirken, muss energisch entgegengewirkt werden. (Richtlinien für Reiten und Fahren ,FN-Verlag 2000

 

Dieser Satz ist in den Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1 der FN am Ende der Beschreibung der Zügelhilfen zu finden.

Wie aber kann nun der Ausbilder dem Wunsch der FN entsprechen? Auf die Vermittlung der Gewichts- und Schenkehilfen sollte deutlich mehr Gewicht gelegt werden als auf die der Zügelhilfen. In den Grundsätzen der deutschen Reitlehre sind einige Anhaltspunkte zu finden. Hier heißt es zum Beispiel:

  • Ein Pferd sollte in Selbsthaltung gehen,
  • Es sollte immer in Dehnungshaltung zu reiten sein, wenn der Reiter dies fordert.
  • Die treibenden Hilfen müssen überwiegen.
  • Die feinste Art der Zügelführung ist die einhändige Führung auf Kandare.

 

Schon zu Beginn seiner Ausbildung kann der Reitschüler diesen Weg erlernen. Die richtige Reihenfolge der konsequenten Hilfengebung muss ihm immer wieder zu Bewusstsein geführt werden. Wie sieht aber die Realität in vielen Reitschulen aus? Der Anfänger wird in eine Abteilung eingereiht, in der das wichtigste Kriterium der Abstand zum Vordermann ist. Sind die Pferde zusätzlich wenig ausgeglichen, weil eine artgerechte Haltung mit Sozialkontakt und Weidegang fehlt, so artet eine solche Stunde oftmals in ein Bodybuilding der Armmuskulatur aus. Es lässt sich in der Abteilung nicht verhindern, dass die Reitschüler immer wieder das Tempo mit den Zügeln bremsen müssen. Nach einigen Monaten sind dann Reiter herangebildet worden, die den Zügel als wichtigstes Instrument kennengelernt haben.

Besser wäre es schon nach dem gut durchgeführten Longenunterricht die Anfänger frei, mit korrekt verschnallten Hilfszügeln (meistens Dreieckszügel), reiten zu lassen. Dies ist zwar ein mühsamerer Weg, der oftmals im Schritt und mit viel Arbeit am Durchsetzungswillen oder Durchsetzungsvermögen der Reiter zum Erfolg führt. Diese Reitschüler lernen von Anfang an, wie wenig der Zügel zum Steuern und zum Bremsen gebraucht wird, und sind bestens auf die weitere Ausbildung ohne Hilfszügel vorbereitet.

In den Richtlinien für Reiten und Fahren und in vielen anderen Büchern wird ausschließlich die korrekte Hilfengebung vermittelt. Ist das Kind aber bereits in den Brunnen gefallen, und das Pferd missachtet die korrekten Hilfen des Reiters, so findet er hier wenig Hilfe, wie er trotzdem seinen Wünschen Gehör verschaffen kann.

Somit ist es wichtig das der Reiter als Erstes das Steuern des Pferdes erlernt. Eine Grundvoraussetzung dazu ist ein mit leichten Hilfen vorwärts zu treibendes Pferd. Der Reiter, der schon alle Kraft dazu benutzen muss sein Pferd in einer Gangart zu halten, kann unmöglich noch zusätzlich feine Gewichts- und Schenkehilfen für die Wendung geben. Auch sollte das Pferd sein Tempo selber halten und nicht bei Beendigung der treibenden Hilfe sofort wieder langsamer werden. Durch konsequente Einhaltung der Reihenfolge leichte Hilfe, starke Hilfe, Strafe bei den vorwärtstreibenden Hilfen sollten beide Ziele schnell erreicht sein.Wichtig ist hierbei auch, dass der Reiter sein Pferd langsamer werden lässt und dies korrigiert, anstatt versucht unter allen Umständen das Tempo zu halten.

Zur Beschreibung der Wendungen können wir gut auf den Grundsatz:

“Die feinste Art der Zügelführung ist die einhändige Führung auf Kandare” zurückgreifen.

Wenn ein Reiter sein Pferd einhändig auf Wendungen reiten kann, so hat er fast nur beidseitig wirkende Zügelhilfen zur Verfügung. Also muss der Wunsch zum Abwenden von den Kreuz- und Schenkelhilfen kommen. In den Richtlinien für Reiten und Fahren wird leider nur beschrieben, wie Wendungen mit Hilfe von Zügelhilfen geritten werden. Meines Erachtens nach braucht man den Zügel jedoch erst zur Korrektur auf das nicht befolgen der Kreuz und Schenkelhilfen.

Als Erstes legt der Reiter den äußeren Oberschenkel gerade so weit zurück, dass er bei geradem Sitz den inneren Gesäßknochen deutlicher spürt. Das ist die leichteste Gewichtshilfe und zusätzlich liegt das äußere Bein an der richtigen Position. Die meisten Pferde möchten den Reiter ausbalancieren, und beginnen sich nun unter seinen neuen Schwerpunkt nach innen zu bewegen. Wenn nicht, unterstützt die Gewichtshilfe ein leichter Druck mit dem äußeren Bein. Das innere Bein sorgt für die Biegung, wobei ich hier durch die Länge der Hilfe zwischen biegen und vorwärts-seitwärts unterscheide. Mehr Biegung wird durch einen kurzen Impuls gefordert, vorwärts-seitwärts treibt der Schenkel mit einem deutlich längeren Druck. Stellt sich die erwartete Reaktion des Pferdes nicht ein, so ist es meines Erachtens logisch erst einmal die Schenkelhilfen zu verstärken, denn auf diese hat das Pferd nicht reagiert. Einige Pferde reagieren auf diese deutlich Hilfe allerdings mit mehr Vorwärtsdrang. Genau wie bei der einhändigen Kandarenführung halte ich nun mit beiden Zügeln gegen und gebe nochmals die stärkere Schenkelhilfe. Erst wenn dies nicht zum Erfolg führt, kommt zusätzlich noch der innere stellende Zügel dazu. Dies ist für das Pferd weit aus unangenehmer als jede Verstärkung mit Bein oder Sporen, denn das Gebiss auf den Laden wirkt ähnlich wie der Zug an einer Eisenstange auf dem Schienbein eines Menschen - und dem möchte das Pferd gerne ausweichen und wird lernen auf Kreuz und Schenkelhilfen die Wendung durchzuführen. Ein so gerittenes Pferd reagiert auf sehr leicht und feine Hilfen und ist eine Freude für jeden Reiter.

Erst wenn auch der Reiter gelernt hat auf die vorherrschende Hand zu verzichten, kann man mit der Ausbildung der Paraden beginnen und ein neuer Grundsatz kommt hinzu:

“Die treibenden Hilfen sollten überwiegen”

Aber wie kann man überprüfen, ob die treibenden Hilfen überwiegen und wie kann man das dem Reitschüler vermittel?

Als Erstes muss wie oben beschrieben, sichergestellt sein, dass das Pferd sich mit leichten Hilfen vorwärts reiten lässt. Dann muss der Reitschüler erlernen wie stark eine vorwärtstreibende Hilfe, die jede Parade einleitet, eigentlich sein soll.

Um dem Missverständnis vorzubeugen dass bei einer Parade immer getrieben werden muss, ist es am besten zu überprüfen, wie sich das Tempo des Pferdes während der Parade ändert. Wird das Pferd schneller so ist das Treiben im Verhältnis zur Zügelhilfe zu stark, wird das Pferd langsamer so ist das Treiben im Verhältnis zur Zügelhilfe zu schwach. Bleibt das Tempo erhalten, so stimmt das Verhältnis zwischen Treiben und Gegenhalten.

 

Zu all dem gehört eine ruhig stehende Hand. Und genau dieser Begriff führt immer wieder zu Fehlinterpretationen. Die Hand steht ruhig zum Pferdmaul, das bedeutet, sie folgt immer den Bewegungen des Pferdmaules und wird unabhängig zum Reiterkörper geführt. Schon beim Schrittreiten erfordert dies bei uns Menschen ein hohes Maß an Koordination. Wir sind vom Gehen gewohnt, unsere Arme gegenläufig zu den Beinen zu bewegen. Beim Reiten muss dieser Automatismus unterbrochen werden. Wer die Augen schließt und immer den gleichen Druck im Zügel verspüren möchte, der wird merken, dass seine Hände gleichseitig mit den jeweiligen vom Pferderücken bewegten Oberschenkeln leicht nach vorne mitschwingen müssen. Das alleine ist für manchen Reiter schon schwierig genug. Die Reiterhand muss zusätzlich zu dieser Bewegung noch dem Pferdemaul nach vorne und zurück und auf und ab folgen. Das Pferd benötigt diese Bewegung zur Balance ähnlich wie wir Menschen die pendelnden Arme beim Gehen, wobei sie mit zunehmendem Ausbildungsstand immer geringer werden. Auch der Grundsatz der Selbsthaltung fordert, dass die Reiterhand dem Pferdemaul folgt, egal wie weit es sich nach unten streckt. Sollte das Pferd eine andere Haltung einnehmen, so ist es die Aufgabe von Kreuz und Schenkel erst die Hinterhand zu aktivieren und zur vermehrten Tragkraft auf zu fordern.

 

Als Letztes noch eine Bemerkung zum Zügelmaß. Es ist unumstritten, dass der Reiter ein korrektes Zügelmaß einnehmen sollte. Dies ist aber unter dem Gesichtspunkt der Selbsthaltung zu betrachten. Ein kurzer Zügel, der die Selbsthaltung verhindert und das Pferd in eine ergonomisch falsche Haltung bringt, ist fehlerhaft, da er die Losgelassenheit verschlechtert, die wiederum weit unten in der Skala der Ausbildung zu suchen ist. Die Dehnungshaltung, die zur Erreichung der Losgelassenheit unabdingbar ist, fordert zusätzlich ein längeres Zügelmaß, den langen Zügel, der per Definition die längste Verbindung zwischen Reiterhand und Pferdemaul ist. Also muss immer wieder überprüft werden, ob es nicht noch etwas länger geht. Gerade dies ist aber nicht einfach, wenn das Pferd noch keine gefestigte Dehnungshaltung einnimmt, also die Losgelassenheit noch nicht richtig erarbeitet ist. Der Reiter steht dann vor drei Alternativen:

  • Kurze Zügel
  • Lange Zügel
  • Ständiges Nachfassen und Verlängern.

 

Kurze Zügel verhindern die Selbsthaltung. Eine korrekte Anlehnung ist bei mangelnder Losgelassenheit ohnehin nicht vorhanden, und letztendlich wird die Losgelassenheit verschlechtert.

Bei langen Zügeln muss bei kurzfristigem Anheben des Pferdekopfes mit breiter Zügelführung und zurückgenommenen Händen die notwendige Parade gegeben werden, die das Pferd sofort wieder in zur Dehnungshaltung führt.

Ständiges Nachfassen und Verlängern bringt zwar eine dem Lehrbuch nach bessere Zügelführung, verlangsamt aber die notwendige Korrektur beim Anheben des Kopfes derartig stark, dass oftmals mehr Widerstand hervorgerufen wird als notwendig wäre.

 

Nachdem die erste Variante mit kurzen Zügeln kontraproduktiv ist, bleiben nur die beiden Letzten. Ich persönlich bevorzuge die zweite Variante, wobei ich aber immer mit schlechtem Gewissen darüber wache, dass diese Handhaltung nur zur Korrektur dient und nicht zum dauerhaften reiten.

Wer sich nun wundert, dass wenig über Zügelhilfen geschrieben wurde und viel über alles andere der sollte noch einmal den ersten Absatz lesen. Reiten besteht zu, sagen wir, 95% aus Kreuz- und Schenkelhilfen, wobei die Schenkelhilfen den größten Teil von diesem hohen Prozentsatz ausmachen.

 

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