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Schlaufzügel ja oder nein

Schlaufzügel - ja oder nein?

Albert Stecken

reiten und fahren 6/85

 

Zwei Leserzuschriften in früheren Heften von „reiten und fahren” befassen sich mit dem Gebrauch von Schlaufzügeln: Frauke Schnau: Wunderwaffe Schlaufzügel in Heft 1/1984, S. 16, und Kerstin Gerhardt: ,,Schlaufis"in Heft 3/1984,S. 22.

I.

In der ersten Zuschrift schreibt eine Reitlehrerin mit über 20 Jahren beruflicher Erfahrung: Man hat mir schon als Lehrling beigebracht, daß ein Schlaufzügel bis auf wenige Ausnahmen zu Korrekturzwecken in der Hand sehr guter Reiter - ein Armutszeugnis für seinen Benutzer ist, da er entweder reiterliches Unvermögen oderFaulheit signalisiert, oft sogar beides. Berufenere Fachleute als ich haben ihn auch als Offenbarungseid bezeichnet. An dieser Ansicht halte ich auch heute noch fest, denn ich habe inzwischen genügend Schlaufzügelprodukte gesehen, denen unerläßliche Voraussetzungen für ein Dressurpferd, nämlich Losgelassenheit, Takt und Schwung und das Vertrauen zum Reiter, gründlich abgekauft worden waren. Ich finde, man sollte der unsachgemäßen und kritiklosen Anwendung aller dieser Wunderwaffen entgegenwirken.

 

Die zweite Zuschrift wendet sich ebenfalls gegen den Schlaufzügel und führt unter anderem aus: Ich habe meinen Ausbilder nie mit Schlaufzügeln reiten sehen; er brauchte sie aufgrund seines Könnens nicht. Er kam mit ihnen nur in Berührung, wenn er mir erklärte, wie ich wenn überhaupt - damit umgehen muß. Heute bin ich in der Lage, den Schlaufzügel in der Sattelkammer einstauben zu lassend.

Dem Inhalt der Zuschriften ist voll zuzustimmen. Sie geben eine im Prinzip richtige Auffassung wieder, zumal beide auf Ausnahmen hingewiesen haben. Meine persönliche Meinung geht aufgrund langjähriger praktischerErfahrungen dahin, daß der Gebrauch von Schlaufzügeln grundsätzlich abzulehnen ist, aber - ohne den Grundsatz in Frage zu stellen - in seltenen Ausnahmefällen eine Verwendung zweckmäßig oder sogar geboten sein kann.

Die Ansichten in Theorie und Praxis von heute sind durchaus geteilt. Deshalb besteht Anlaß, ausführlicher auf die Problematik des Schlaufzügels einzugehen. Dabei möchte ich herausstellen, welche Lehrmeinungen in der reiterlichen Literatur vertreten werden.

 

II.

In fast allen Lehrbüchern und Reitvorschriften (Richtlinien) wird mehr oder wenigerausführlich auf den Gebrauch des SchlaufzügeIs eingegangen. Nun ist es auch nicht annähernd möglich, im einzelnen darzulegen, was alles zu diesem Thema geschrieben worden ist Aus Gründender Kürze und Einfachheitsollen auszugswelse solche Aussagen wiedergegebenwerden, die sich auf die Zeit seit Erscheinen der Reitvorschrift von 1912 beschränken, einer Vorschrift, in der die überlieferten Lehren der Reitkunst zusammengefaßt, bewährte Grundsätze schärfer betont und in einem wissenschaftlich geklärten System erläutert worden sind.

 

Reitvorschrift, 1912, S. 291 bis 294, und 1926, S.245-247:

Die Anwendung von Hilfszügeln ist möglichst zu vermeiden. Gelingt es jedoch in vereinzelten Füllen nicht mehr, ein dem Zügelanzug im Halse oder Genick nach oben widerstrebendes Pferd in die so wünschte Beizäumung zubringen, so kann vorübergehend der Schlaufzügel angewendet werden.

 

Freiherr von Redwltz: Die deutsche Reitvorschrift 1912 Im Lichte der Reitkunst, viertes Heft, der Gehorsam des Reitpferdes, Berlin, 1920, S.4 bis 10:

Die erste Ursache, weshalb man zur Anwendung von Hilfszügeln schreitet, ist gewöhnlich ein besonderer Widerstand des Pferdes im Genick, Hals oder Rücken. Der Zweck ihrer Anwendung ist daher Beschleunigung der Dressur bei besonderen Hindernissen. Wenn auch Hilfszügel bei geschickter Verwendung Vorteile bieten können, So haben sie doch in unerfahrener Hand die schwersten Nachteile im Gefolge. Erfolgreiche Einwirkung mit dem Schlaufzügel setzt Sitz,.Einwirkung und reiterlichenTakt eines Meisters voraus.

 

Podhalsky. Alois: Die klassische Reitkunst, 2. Auflage, München, 1965, S.239:

... Es muß daher betont werden, daß dieser Zügel - bloß bei Zäumung auf Trense möglich- nur von sehr geschickten Reiten zu dem Zweck gebraucht werden darf, die Beibehaltung einer bereits erlernten Haltung des Pferdes beim Lehren schwierigerübung zu erleichtern. Niemals darf er aber dazu verwendet werden, um die Kopfhaltung eines Pferdes zu erzwingen.

 

Seunig, Waldemar: Von der Koppel bis zur Kapriole, 5.Auflage, 1973, S. 417:

Der Schlaufzügel kann ... seinen Zweck erfüllen, wenn er mit hilft, das Pferd in dem Rahmen zu erhalten, den es infolge reiterlich richtiger Einwirkung bereits eingenommen hat. Sonst Eselsbrücke oder Rasiermesser in der Hand eines Affen. Bemerkenswert: Seunig erwähnt den Schlaufzügel in seinem umfangreichen Buch lediglich im Namen- und Sachverzeichnis. Die oft zitierte Redewendung mit dem -Rasiermesser' war schon früher gebräuchlich.

 

Wätjen, Richard L.: Dressurreiten, 8- Auflage, Berlin und Hamburg, 1978, S. 37 und 38:

Im allgemeinen soll jeder Reiter trachten, ohne Hilfszügel sein Pferd auszubilden; denn, wie der Name schon besagt, kann ein Hilfszügel nur zur Unterstützung gewisserArbeiten in der Dressur des Pferdes verwendet werden. Man kann den Schlaufzügel, falls er richtig angewandt wird, als Hilfe bei der Dressur benutzen. Vorbedingung ist, daß der Reiter, der mit dem Schlaufzügel arbeiten will, über große Geschicklichkeit verfügt. Durch schlechte Anwendung wird bedeutendmehr Schaden angerichtet, als man Vorteile erzielen kann. Der Zweck des Schlaufzügels ist, ein Pferd, das sich aus der Versammlung nach aufwärts zu entziehen sucht, in einer gleichmäßigen Kopfstellung und Anlehnung vorwärtsreiten zu können. Nur bei einem Pferd, das auf der Trense (ohne Schlaufzügel)gelernt hat, auf die vortreibenden Hilfen nachzugeben, st es zweckmäßig, mit dem Schlaufzügel zu arbeiten. Der Schlaufzügel soll nicht dazu dienen, das Pferd in die Haltung hineinzuziehen ... Ein richtig gearbeitetes Pferd muß jederzeit auch ohne den Schlaufzügel geritten werden können.

 

Der Schlaufzügel soll im allgemeinen nur bei der Korrektur verdorbener Pferde oder bei solchen, die sich durch zu schnelles Vorgehen in der Arbeit Fehler angewöhnt haben, angewandt werden. Bei einer korrekten systematischen Arbeit eines jungen Pferdes wird die Anwendung des SchlaufzügeIs niemals nötig sein und sollte auch absolut keine Verwendung finden.

 

Richtlinien für Reiten und Fahren, Band 1, Grundausbildung für Reiter und Pferd, 18.Auflage, 1979, S. 42:

Der Schlaufzügel ist nur etwas für den erfahrenen Reiter, der das Treiben gelernt hat und um das Vorherrschen der treibenden Hilfen weiß. Er kann nie einen Ersatz für das korrekte-- an-die-Hilfen stellen - des Pferdes darstellen.

 

Mülseler, Wilhelm: Reitlehre, 44. Auflage, Berlin und Hamburg, 1981, S. 151 und 152:

Die Anwendung des Schlaufzügels bedeutet eine große Gefahr, weil man durch zu starkes Wirkenlassen dem Pferde das Maul nach der Brust zieht. Des Schlaufzügels bedienen sollte sich nur der Reiter, der ein sicheres Gefühl dafür hat, wie ein richtig an die Hilfengestelltes Pferd sich fühlt, der vor allem Gefühl dafür hat, daß man dabei das Pferde maul mit den Zügeln wie an zweiStangen vor sich herschieben kann.

Richtig angewandt wird der Schlaufzügel nur, wenn der Reiter ihn mit genügend vortreibenden Einwirkungen und auch nur ganz vorübergehend zur Wirkung kommen läßt, solange das Pferd sich in Hals und Genick oder in den Ganaschen steif macht. Durch Vorfühlen mit der äußeren Faust bei geringem Druck auf den inneren Schlaufzügel wird das Pferd zum Nachgeben veranlaßt. Dieses Verfahren, dem Pferd den Weg nach der Tiefe zu zeigen, ist schon eingehend beschrieben worden. Sobald das Pferd auf beiden Händen nachgegeben hat, hat die Anwendung der Schlaufzügel keinen Zweck mehr.

Verwendet man den Schlaufzügel, um das Pferd in einebestimmte Haltung oder Stellung hineinzuzwängen, so kann von einer vernünftigen Dressur nicht mehr die Rede sein. Das hat später mit Sicherheit Widersetzlichkeit zur Folge. Hat man mit dem Schlaufzügel nicht schon nach wenigen Minuten Erfolg, so hat man meist den Beweis, daß man sich seiner nicht richtig zu bedienen versteht, und sollte ihn lieber fortlassen, weil die Schwierigkeiten nur nochvermehrt werden können.

 

Bürger, Udo: Vollendete Reitkunst, 5. Auflage, Berlin und Hamburg, 1982, S.87 und 136:

Es gibt sogar Reiter, mit Pferdeausbildung befaßt, die in ihrer Rat- und Gefühllosigkeit zum flaschenzugartig wirkenden Schlaufzügel und anderen sinnreichen Konstruktionen von Hilfszügeln greifen, welche Kopf und Hals des Pferdes herunterziehen und so eine Haltung erzwingen, die eben nur eineZwangshaltung sein kann. Man kann mit diesen Methoden und der nötigen grausamen Ausdauer beste Pferdezerbrechen und ihnen den Lebensmut nehmen. Alle Hilfszügel sind ein Eingeständnis der Schwäche oder der mangelnden Geschicklichkeit. Es geht Immer auch ohne sie. Wer sie gewohnheitsmäßig und bei allen Pferden benutzt, hat vor seinem eigenen Unvermögen kapituliert und es endgültig aufgegeben, reiten zu lernen.

 

Freiherr von Stackelberg: Reiten - Ausbilden - Richten, Berlin und Hamburg, 1983, S.109 und 111:

Es soll nicht abgestritten werden, daß Hilfszügel in der Hand von Fachleuten durchaus nützlich sein können.

Auf Abreiteplätzen sind ReiterundAusbildervielfach mit Schlaufzügeln am Werk, um ihre Pferde für die Prüfungen vorzubereiten. Solche Beispiele führen dazu, daß schonReiter im Anfangsstadium sich mit Schlaufzügeln in höheren Dressurlektionen versuchen, obwohl sie ohne Hilfszügel ihre Pferde nicht einmal in den drei Grundgangarten an den Hilfen haben. Wenn dann ein Ausbilder dies toleriert, so grenzt das schlechthin an Gewissenlosigkeit.

Der Einsatz von Schlaufzügeln sollte ausschließlich auf ausgesprochene Korrekturfälle und die wenigen Fachleutebeschränkt bleiben, die damit umzugehen verstehen; zumindest jedoch nur unter ihrer genauesten Kontrollebenutzt werden.

In der Dressur sollte der normale Ablauf im ersten Ausbildungsabschnitt bis zur Kandarenreife, von ausgesprochen schwierigen Ausnahmen abgesehen, in der Regel mit Trensengebiß ohne Schlaufzügel möglich sein. Alles andere ist meistens ein Verdecken eigener Schwächen und das Eingeständnis von Hilflosigkeit.

Ergänzen möchte ich die vorgenannten Zitate durch einen Hinweis auf das Buch von

Rolf Becher: Erfolg mit Longe, HilfszügeI und Gebiß, 4. Auflage, Berlin und Hamburg, 1984.

Der Verfasser schildert Vorzüge und Nachteile des Reitens mit Hilfszügeln, dabei auch des SchlaufzügeIs in seinen beiden verschiedenen Arten des Einschnallens. Wesentlich ist, daß er den Gebrauch des SchlaufzügeIs als Korrekturarbeit versteht, so daß sich dessen Verwendung erübrigt, wenn kein Anlaß zur Korrektur besteht.

Ich wollte noch durch ein Zitat belegen, welche Ansicht von dem erfolgreichsten Dressurreiter, von Dr. Reiner Klimke, vertreten wird. Aber in keinem seiner Bücher findet sich eine Stelle, die sich mit dem Gebrauch von Schlaufzügeln befaßt. In der praktischen Arbeit lehnt er sie grundsätzlich ab.

III.

Aus den zitierten Meinungsäußerungen der reiterlichen Lehre geht hervor, daß man bestrebt sein sollte, ohne Schlaufzügel zu reiten, aber ihr Gebrauch in Ausnahmefällen zu Zwecken der Korrektur sinnvoll und nützlichsein kann.

Auffallend ist es, daß die Zielsetzung der Arbeit mit den Schlaufzügeln unterschiedlich verstanden wird, so z. B.

  • die Beizäumung zu erreichen,
  • Widerstände zu überwinden und die Ausbildung zu beschleunigen,
  • die Beibehaltung einer bereits erlernten Haltung beim Lehren schwieriger Übungen zu erleichtern,
  • dem Pferd den Weg in die Dehnungshaltung nach vorwärts-abwärts zu zeigen,
  • in ausgesprochenen Korrekturfällen hilfreich zu sein. Ganz übereinstimmend wird der Gebrauch des Schlaufzügels abgelehnt, wenn damit eine bestimmte Kopfhaltung der Pferde erzwungen werden soll.

Ebenso besteht Übereinstimmung, daß die richtige Einwirkung mit dem Schlaufzügel nur von einem erfahrenen Reiter, einem Meister in Sitz, Einwirkung und reiterlichem Takt zu erwarten ist. Andernfalls treten mit Sicherheit schwerwiegende Nachteile ein.

Die große Gefahr besteht darin, daß der unrichtige undunnötige Gebrauch des Schlaufzügels

  • oft mit einerviel zu schnellen Ausbildung im Zusammenhang steht,
  • das Vor- und Untertreten bzw. -springen der Hinterbeine beeinträchtigt,
  • schwerwiegend gegen das Prinzip des Reitens ,,von hinten nach vorn" verstößt und dadurch
  • den reinenGang, die Geraderichtung und den Schwungbeeinträchtigt.

Wenn man ,,Schlaufzügelarbeit" über viele Jahre beobachtet hat, dann muß man nicht selten feststellen, daß es

  • an der notwendigen Losgelassenheit des Pferdes fehlt, an jener Losgelassenheit, die zwanglose Bewegungen ohne Spannung schwingende Rückenmuskeln und eine erkennbare Dehnungsbereitschaft auch in hoher Versammlung gewährleistet,
  •  an der notwendigen Durchlässigkeit fehlt, weil das Pferd die Hilfen vor hinten nach vorn nicht uneingeschränkt durchläßt, d.h. die Hinterbeine nicht genügend heranschließt, im Genick nicht willig nachgibt und am Gebiß nicht einwandfrei abstößt,
  •  an der notwendigen Versammlung fehlt, weil die mangelnde Durchlässigkeit keine richtige Einwirkung auf die Hinterbeine zur Verbesserung der Trag- und Federkraft ,,durchläßt" und damit eine relative Aufrichtung beileichtester Anlehnung verhindert.

Manchmal wird gesagt, dieser oder jener Reiter gebrauchedauernd Schlaufzügel und erreiche damit sehr gute Erfolge, auch in Dressurprüfungen Klasse S und GrandPrix. Darauf kann man nur antworten, diese Erfolge sind nicht ,,deswegen", sondern,,trotzdem" erzielt worden. Sicherlich würden Reiter und Pferd ohne Schlaufzügel noch bessere Erfolge erzielen, bessere Erfolge in den Grundgangarten, in der Grundrittigkeit (Losgelassenheit, Durchlässigkeit und Versammlung) und in den Lektionen.

Ein Wort noch zu dem Reiten mit Schlaufzügeln auf Abreiteplätzen: Es war ein richtiger Schritt in die richtige Richtung, daß von der FEI das Abreiten mit Schlaufzügeln bei internationalen Turnieren verboten wurde. Wie ich hörte, soll das Verbot wiederaufgehoben werden. Das wäre ein bedauerlicher Rückschritt. Richtiger wäre, auch bei nationalen Turnieren das Abreiten mit Schlaufzügeln zu untersagen. Falls nämlich Schlaufzügel gebraucht werden, wird damit eingeräumt, daß das betreffende Pferd in seiner Grundrittigkeit noch der Korrektur bedarf. Und für eine solche Korrekturarbeit ist weder der Abreiteplatz noch die Zeit unmittelbar vor einer Dressurprüfung geeignet. Das gilt auch für den Fall, daß die Schlaufzügel richtig gebraucht werden, erst recht dann, wenn ihr Gebrauch fehlerhaft oder unnötig ist.

Abschließend die Antwort auf die in der Überschrift gestellte Frage: Schlaufzügel grundsätzlich nein, sinnvoll nur in Ausnahmefällen, nur für Korrekturzwecke, nur vorübergehend und nur in der Hand eines erfahrenen Reiters mit ausgeprägtem reiterlichem Gefühl und mit großer Geschicklichkeit.